Jesper Juul – Mein “Mentor”.

Bereits in der Schwangerschaft liefen mir auf diversen Webseiten Artikel zum Thema Erziehung oder nennen wir es lieber “vom richtigen Umgang mit Kindern” über den Weg. Besonders angetan war ich immer von den Artikeln die Jesper Juul verfasste. Seine Sicht auf die Dinge sprach mich an und brachte mein Bauchgefühl zum Frohlocken (Mehr zu meinem Bauchgefühl in meiner kleinen Einleitung zum Attachment Parenting).

Wer etwas Biographisches über Jesper Juul wissen möchte, wird sicher bei Wikipedia fündig.

Jesper Juul und seine pädagogischen Ansätze

Die Grundannahme Jesper Juuls ist, dass jedes Kind als sozial kompetentes Wesen zur Welt kommt, es also von Grund auf nach Zugehörigkeit und Kooperation strebt. Diese Kooperation vermag ein Dreijähriger natürlich anders auszudrücken, zu bewerkstelligen und zu kommunizieren als ein Einjähriger. Seiner Ansicht nach ist die moderne Erziehung davon geprägt, dem Kind verbal mitzuteilen, was es zu tun und zu lassen hat, wie es zu sein und nicht zu sein hat. Dabei – und mit dieser Ansicht steht er mittlerweile ja nicht mehr alleine da – lernen Kinder am meisten durch Imitation. Ein einfaches Beispiel, ich kann meinem Kind mühselig beibringen “Bitte” und “Danke” zu sagen – ein schwieriges Unterfangen, wenn man beide Wörter selbst kaum benutzt – oder man man sagt selbst “Bitte” und “Danke” und vertraut darauf, dass das Kind das auch tut, wenn es diese soziale Konvention verstanden hat. Seiner Meinung nach würde in diesem Beispiel jedes “Was sagt man da?” oder “Wie heißt das?” bedeuten, dem Kind suggerieren, dass es nicht in Ordnung ist. Und das, egal wie lieb es gemeint und zum Besten des Kindes ist.

Der wichtigste, aber für mich zugleich schwierigste Punkt seines Ansatzes ist folgender: Das jegliches “Fehlverhalten” oder nennen wir es “fehlende Kooperation” auf das Verhalten der Eltern zurückzuführen ist. Entweder haben die Eltern die Integrität des Kindes verletzt oder das Kind überkooperiert.

Verletzung der Integrität

Eigentlich ist dieser Punkt ganz einfach und lässt sich mit einer beliebten Redewendung umschreiben: Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu. Oder etwas umfangreicher ausgedrückt: Spiele keine Machtspielchen, behandle ein Kind so, wie du auch einen Erwachsenen behandeln würdest und beachte, die Würde des Menschen ist unantastbar! Gerade letzteres erschüttert mich immer wieder. Es ist Artikel eins unseres Grundgesetzes und wird doch gerade bei Kindern gern vergessen. Kinder werden immer noch unter dem Deckmantel der Erziehung vorgeführt und öffentlich bloßgestellt. Ein Beispiel las ich letztens als Kommentar in einem Blog, da wurde ein Kindergartenkind, das sich nicht selbst anziehen wollte, vor der ganzen Gruppe aufgefordert, doch zu den Kindern in die Krippe zu gehen, dort wäre es mit seinem Verhalten besser aufgehoben. Ich meine Hallo?! Das ist wie – und hier kommen wir zu dem Punkt “Behandle das Kind, wie du auch einen Erwachsenen behandeln würdest” – wenn dein Chef dich vor der ganzen Belegschaft anmotzen würde, dass du unfähig und dumm wie Dosenbrot bist. Wäre keine schönes Gefühl, oder?
Ich stelle mir an vielen Punkten einfach die Frage, würde ich das auch mit meinem Freund machen? Und ja ich gebe zu, dass auch ich manchmal die Integrität meines Kindes verletze, in dem ich es z.B. gegen seinen Willen wieder in der Buggy setze, weil es partout in die andere Richtung laufen will. Meinen Freund würde ich kaum an den Haaren hinter mir her schleifen oder mit festem Klammergriff in meine Richtung zwingen (abgesehen davon, dass ich das rein physisch nicht bewerkstelligen könnte ;-)).

Überkooperation oder Spiegel meiner Selbst

Den zweiten Punkt hingegen, finde ich sooooo schwer. Überkooperation ist ein sehr abstraktes Wort und nur schwer zu greifen. Ich würde es an dieser Stelle lieber damit umschreiben, dass das Verhalten des Kindes ein Spiegel meines eigenen Verhaltens bzw. meiner Einstellung ist. Das ist jetzt nicht einfacher zu fassen, aber etwas besser zu verstehen.

Ich sehe das selber bei uns. Ein Beispiel: Das Schlafen gehen. Krümelpapa bekommt es in den meisten Fällen hin, den Krümel ins Bett zu legen, Gute Nacht zu sagen und den Raum zu verlassen. Hier und da folgt kurzer Protest, aber das Kind schläft alsbald ganz alleine ein. Versuche ich das gleiche: keine Chance. Woran liegt es? Ganz klar an mir. Ich habe einfach kein gutes Gefühl dabei. Das Krümel tut mir leid, wenn es da so allein liegt. Vielleicht ein eigenes Kindheitstrauma? Vielleicht geprägt von dem Dogma, dass Babies und Kleinkinder Einschlafbegleitung brauchen? Habe ich einen guten Tag und bin von der Handlung ‘Einfach rausgehen’ überzeugt, klappt es auch. Leider kann man sich schlecht selbst überlisten 😉

Und das war noch ein einfaches Beispiel. Aber bei Vielem habe ich schon die Erfahrung gemacht, dass es auf meine Einstellung ankommt. Und in vielen Dingen mache ich mir quasi das Leben selber schwer…aber wie gesagt, man kommt nur schlecht aus seiner eigenen Haut. Ich persönlich, denke, dass es im Alltag für viele schwer ist den Auslöser für Fehlverhalten zu finden, denn es erfordert, in Anlehnung an die Überzeugung von Jesper Juul, ein großes Maß an Selbstreflektion. Außerdem sind wir in vielen Situationen selbst kritisiertes Kind.

Zur Zeit ist der Krümel zum Bespiel ein übelster Wutpratzen, es geht nur noch: “Nein, nein”, “Meins”, “Ab”, “Selber” etc. Dass Krümel jetzt in ein Alter kommt (warum eigentlich so früh, sie ist doch erst 1,5 Jahre), wo sie nach Autonomie strebt, ist mir klar. Aber was ist meine Rolle dabei? Welche Einstellung muss ich annehmen, dass unser Alltag funktioniert, ohne dass sie ständig Heul- und Trotzanfälle bekommt? Helfe ich zu viel? Wenn ja, warum? Bin ich zu angespannt, zu gestresst, um sie einfach mal machen zu lassen?…

Ich halte euch auf dem Laufenden, wie es bei uns weitergeht und welche Erkenntnisse ich mit Hilfe von Jesper machen konnte.

Ach und wer gern mehr Fallbeispiele zum besseren Verständnis hätte, dem lege ich seine Kolumne bei der Standard.at nahe.

Bis dahin.

 

 

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