Jesper Juul – Selbstvertrauen und Selbstgefühl

Anfang Dezember habe ich mich, ob der winterlichen Temperaturen, gegen das Fahrrad und für eine Monatskarte entschieden – kann ja keiner ahnen, dass die Temperaturen teilweise wieder auf frühlingshafte 12°C klettern. Das Geld (sind ja mittlerweile 58 €) hätte ich mir also sparen können. Na ja das Positive daran, ich komme mal wieder zum Lesen – aktuell Jesper Juul: Das kompetente Kind.

Selbstvertrauen vs. Selbstgefühl

Gerade lese ich im Kapitel Selbstvertrauen und Selbstgefühl. Seine Unterteilung in Selbstvertrauen und Selbstgefühl war für mich ein Augenöffner. Bisher war für mich die Sicht auf mich selbst und das Auftreten nach außen das gleiche. Soll heißen, jemand der selbstbewusst auftritt, ist auch selbstbewusst bzw. hat ein gutes Bild von sich. Für mich gab es nur drei Fälle. Menschen mit geringem Selbstbewusstsein im Innen und Außen, mit (hohem) Selbstbewusstsein im Innen und Außen und Menschen, die wenig erfolgreich das geringe Selbstbewusstsein im Inneren im Außen überspielen.

Im Großen und Ganzen wiederspricht Jesper Juul dem nicht, aber differenziert anders bzw. beleuchtet das Innen und Außen anders, als ich es bisher tat. Das Selbstgefühl definiert er als unsere innere Säule: Das, wie wir uns wahrnehmen. Das Selbstvertrauen dem gegenüber ist das Auftreten nach außen.

Ein glücklicher, psychisch gesunder Mensch hat ein positives Selbstgefühl, was sich ganz selbstverständlich im Außen, also dem selbstbewussten Auftreten zeigt. Ein Mensch mit geringem Selbstgefühl kann auch im Außen selbstbewusst wirken, da Selbstvertrauen – und das ist auch oft Inhalt von Selbsthilfebüchern – erlernbar ist. Und dann gibt es noch den dritten Fall, dass sowohl Selbstgefühl als auch Selbstvertrauen gering ausgeprägt sind.

Hier bringt er einige Bespiele an, wie sich die einzelnen Typen äußern. Dabei – und das war für mich das Bahnbrechende – habe ich viele Leute wieder erkannt und bewerte deren Verhalten plötzlich ganz anders. Personen, die ich innerlich und äußerlich für selbstbewusst hielt, entpuppen sich als Menschen mit hohem Selbstvertrauen und geringem Selbstgefühl und das macht so viele Reaktionen/Verhaltensweisen verständlich.

Eine Verschiebung im Selbstgefühl durch Lob und Kritik

Nun sind wir als Eltern alle bestrebt aus unseren Kindern glückliche und gesellschaftsfähige Erwachsene zu machen. Gesellschaftsfähig heißt aber ein stückweit auch angepasst. Häufig wird genau diese Anpassung aber mit Mitteln erreicht, die das Selbstgefühl des Kindes gefährden können.

Das Selbstgefühl entsteht vor allem dadurch, dass das Kind durch die Bezugspersonen wahrgenommen, aber nicht bewertet wird. Wichtig ist Wertschätzung und Anerkennung zu erfahren, aber ohne dass sich das Kind verstellen oder etwas leisten muss.

Daran schließt sich natürlich nahtlos das Themengebiet „Lob und Kritik“ an. Kritik ist uns bestimmt allen sofort klar. Bei Lob wird es schon schwieriger: Hier liegt auch ein bisschen die Crux unserer Zeit. Die meisten Eltern sind bemüht ihr Kind liebevoll und ohne Strafen/Kritik zu erziehen. Also halten es viele, mich bisher eingeschlossen, wie bei der Hundeerziehung: positive Verstärkung! „Toll, hast du das gemacht! Super! Prima!“. Kurz: wir neigen mittlerweile dazu zu viel zu loben. Ein Beispiel in Anlehnung an Juul: Auf dem Spielplatz klettert das Kind munter auf dem Klettergerüst und ruft: „Mama, schau mal!“ – na wie würdet ihr reagieren? Ich hätte vermutlich bis vor kurzem geantwortet: „Toll machst du das“!“ Dabei wollte das Kind nur, dass man an dem Augenblick teilhat, statt diesen zu bewerten. Über kurz oder lang spielen die Kinder das Spiel mit und erwarten eine Bewertung ihrer Leistungen. Das Selbstgefühl wird damit abhängig von positiven Bewertungen, obwohl es ja eigentlich eher aus: „Ich bin gut, allein, weil ich existiere“ bestehen sollte, um standhaft den Widrigkeiten des Lebens begegnen zu können.
Im Beispiel hat sich also die Perspektive von der bloßen Wahrnehmung einer Handlung hin zur Bewertung einer Leistung verschoben. Zusammengefasst: Die Bewertung schmälert die Bedingungslosigkeit der entgegengebrachten Liebe.

Wie kann man dann das Selbstgefühl stärken?

Statt also das Kind zu loben, soll man ausdrücken, dass man es wahrnimmt. Etwas in der Art von „Ich habe es gesehen“. Oder, für Fortgeschrittene, die Befindlichkeit des Kindes aufzugreifen, z.B. „oh, du hast wohl richtig Spaß“ oder „du bist sicher froh, dass du das geschafft hast“. Aber auch negative Gefühle lassen sich aufgreifen. Um mal beim Kletter-Beispiel zu bleiben: „Das scheint dir Spaß zu machen, aber vielleicht findest du es auch ein bisschen gefährlich“. Das wiederum heißt aber nicht, dass man nicht mehr loben darf! Nur eben nicht wegen jedem Pups.

Aber das Wahrnehmen statt des Bewertens sagt eines: Ich werde wahrgenommen und geliebt, wie ich bin und nicht, weil ich etwas kann/leiste. Ein bisschen kann da ja jeder mal selber in sich rein horchen (obwohl es bei den meisten wahrscheinlich eher Kritik als Lob war, das uns so abhängig vom Urteil anderer gemacht hat). Also ich hätte schon gerne das innere Gefühl, dass ich gut bin, ob meiner bloßen Existenz. Auch als Erwachsene habe ich immer noch das Gefühl, dass ich etwas leisten muss oder irgendwie sein muss, um geliebt zu werden. Und genau das möchte ich für Krümel nicht. Sie soll sich um ihrer selbst willen geliebt fühlen.

Ein hohes Selbstgefühl durch bedingungslose Liebe

So, nun muss ich zugeben, dass es mir gar nicht so leicht fällt, „nur“ wahrzunehmen statt zu loben. Das ist irgendwie einfach so drin, weil man ja selber so aufgewachsen ist – also mit Bewertung.

Manchmal sage ich auch einfach toll, obwohl ich mich nur mitfreue und „Hallo“ oder „Ich sehe es“ total aufgesetzt finde. Ist das dann schon ein Lob? Mich beunruhigt auch, dass der Krümel manchmal was macht und es dann selber mit „super“ kommentiert (manchmal sogar mit Applaus)…Haben wir also alles schon versaut?

Also bleibt mir nur mich jeden Tag selbst zu beobachten und mein Verhalten anzupassen. Denn ich liebe meinen Krümel – Bedingungslos!!!

Hier noch ein ganz toller Artikel zum Thema bei Das gewünschteste Wunschkind (mit dem Tipp für ein “innovatives” Buch, was auch schon auf meiner 2read-Liste steht.)

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