Kaiserschnitt statt Einleitung

Während ich diese Zeilen schreibe, schlummert mein zweites Wunder friedlich im RingSling an meiner Brust. Ich nutze die Gelegenheit zwei Brüste und zwei Hände frei zu haben, um euch von Krümelchens Weg vom warmen, mukkeligen Mutterbauch in die raue, kalte Welt zu berichten.

Das Worst-Case-Szenario

Wer mich kennt, weiß, dass es ein Szenario gab, was für mich einem Super-GAU gleich kommt: Der Kaiserschnitt. Nun lässt es die Überschrift schon vermuten, dass genau dieses Szenario eingetroffen ist. Und – das will ich gleich vorweg nehmen – hat es mich nicht so traumatisiert, wie Krümels Geburt. Vielleicht einfach aus dem Grund, dass man bei einem Kaiserschnitt alle Verantwortung abgibt und eigentlich so gar nix zu dessen Gelingen beitragen kann (außer vielleicht zu kooperieren). Alles was im OP passiert, kann ich kaum beeinflussen und es ist nicht meine Schuld. Bei Krümels Geburt hatte ich sehr mit mir und meinem vermeintlichen Versagen zu kämpfen. Schließlich lag all die Arbeit und der Erfolg in meiner Hand (auch wenn ich jetzt weiß, dass es nicht ganz so schwarz/weiß ist, wie ich damals dachte). Eigentlich habe ich mir für das zweite (und wahrscheinlich letzte) Kind eine Traumgeburt gewünscht, die mich für die erste versöhnt, aus der ich als Frau gestärkt hervor gehe. Stattdessen machte mich der Kaiserschnitt wieder zum kleinen fremdbestimmten Mädchen. Aber Verantwortung abzugeben, kann natürlich auch einfach sein. Nun gebe ich zwar gern Verantwortung ab, nicht aber die Kontrolle – Na ja, wenigstens blieb mir die Vollnarkose erspart.

Der Weg zur Einleitung

Hier muss ich ein bisschen ausholen. Ab Geburtstermin (4.1.) musste ich nun jeden zweiten Tag ans CTG, wo sich recht zuverlässig keine Wehe zeigte. Auch außerhalb des CTG zog es zwar immer mal wieder, aber nicht wirklich lang, geschweige denn regelmäßig. Gut, daraus ließ sich jetzt nicht wirklich was ableiten, schließlich ging es bei Krümel auch erst los, als es losging.

Am Sonntag absolvierte ich mein ernüchterndes CTG im Krankenhaus. Daran schloss sich eine gynäkologische Untersuchung an, in dessen Verlauf das böse Wort “Einleitung” auftauchte. Ich war zu diesem Zeitpunkt bei 40+6. Man riet mir gleich am Montag zur Einleitung ins Krankenhaus zu kommen. Nein, das war mir noch zu früh. Immerhin ist der ET doch nur ein Richtwert. Krümelchen ging es gut. Fruchtwassermenge und Zustand der Plazenta waren okay. Warum hetzen? Zu diesem Zeitpunkt versuchte ich alle Empfehlungen und Hausmittel, um das Bübchen aus dem Bauch zu locken. Aber all das fruchtete nicht. Noch am Dienstag sagte der Frauenarzt, dass er vielleicht nur einen Stupser braucht und ich ruhig eine Einleitung wagen kann. Mittwoch war meine Hebi der gleichen Meinung. Also rief ich im Krankenhaus an, dass ich gern am Donnerstag kommen möchte (ET+10). Dort wollte man mich eigentlich am gleichen Tag einleiten, aber da blieb ich hart.

Der Tag der Einleitung

Zwischen 16 Uhr und 17 Uhr sollte ich da sein. Ich war völlig fertig, da ich von wesentlich mehr schrecklichen Einleitungen als guten Einleitungen gehört/gelesen hatte – bis zuletzt hatte ich gehofft, dass es von allein losgeht. Der Krümelpapa holte den Krümel aus der Kita ab, wir packten die Kliniktasche ins Auto und fuhren zu dritt los. Eigentlich wollten meine zwei Schätze mich nur abgeben, durften aber zum CTG bleiben (keine Wehe, aber alles gut) und mussten allein im Wehenzimmer warten, während ich im Anschluss an das CTG beim ewig langen Ultraschall war (gut, dass ich noch ein paar Kinderspiele aufm Handy hatte).

Beim Ultraschall wurde ich erst mal stur genannt, weil ich ja nicht schon am Montag gekommen war. Nun hat die Ärztin geschallt und gemessen, gemessen und geschallt – mit dem Ergebnis, dass je nach Berechnung das geschätzte Gewicht bei 4600 – 5000 g lag. Viel mehr Sorgen machte ihr aber der berechnete Unterschied zwischen Kopfumfang und Schulterbreite. Das war der Zeitpunkt, wo sie mir zum Kaiserschnitt riet, da bei dieser Konstellation das Risiko um ein Vielfaches erhöht ist, dass der Kopf zwar geboren wird, aber dann die Schultern feststecken. Zu diesem Zeitpunkt wäre dann natürlich kein Kaiserschnitt mehr möglich und das “rauswurschteln” birgt Risiken, wie Lähmungen und Sauerstoffunterversorgung und damit von bleibenden Behinderungen. Man ließ mir jedoch die Wahl es auf natürlichem Weg zu versuchen.

Der Kaiserschnitt

Ich bat darum mich mit dem Papa beraten zu dürfen. Völlig ernüchtert kam ich also zurück ins Wehenzimmer und berichtete ausführlich. Eigentlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung schon getroffen. Aber ich war natürlich froh von meinem Freund die Absolution dafür zu erhalten. Vielleicht wäre eine schöne Spontangeburt möglich gewesen, aber dafür die Risiken in Kauf nehmen? Nein, das war mir zu heiß. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich eine Spontangeburt als egoistisch empfunden.

Da war es also, mein Worst-Case-Szenario, und dann sollte es auch noch sofort stattfinden (schließlich war gerade nix los und alle nötigen Personen anwesend). Nun begannen wir zu rotieren: Wohin mit Krümel. Der Papa fuhr also los, um Krümel zum Opa zu bringen (der dann just beim Friseur war, so dass meine Mutti schnell von Arbeit heimkam – gut, dass sie so nah dran wohnt), während ich für den OP vorbereitet wurde.

Während meine zwei Lieblinge noch auf dem Weg nach draußen waren, fragte ich, ob ich noch mal auf Toilette darf. Das verneinte die Hebamme. Sie würde mir jetzt gleich einen Katheter setzen und würde dann ja gleich sehen, ob der richtig sitzt. Also musste ich mich nackig machen, bekam ein OP-Hemd und einen Katheter. Ich zitterte vor Angst. Ich hatte noch nie eine OP. Die einzige Narkose, die ich je hatte, war eine lokale Betäubung während einer Wurzelspitzenresektion. Was passiert mit mir?

Zuerst kam wieder die etwas harsche, unfreundliche Frauenärztin, die mich über den Ablauf aufklärte. Dann kam die Anästhesistin, die glücklicherweise ziemlich locker drauf war und versuchte mit einem etwas eigenartigen Humor die Spannung rauszunehmen. Und da kam auch mein Freund schon wieder, was mich ein bisschen entspannte. So hatte ich nämlich auch keine Zeit mehr mir die Risiken des Eingriffs durchzulesen. Wird schon schief gehen. In der Zwischenzeit versuchte mir eine Anästhesie-Schwester Zugänge zu legen – das war am Kaiserschnitt übrigens das schmerzhafteste, denn ich bin da sehr undankbar – ich habe Rollvenen, die nur links und rechts in den Armbeugen gut zu “stechen” sind. Letztlich hat es für zwei Zugänge gereicht. Den blauen Fleck vom Handgelenksversuch habe ich immer noch.

Ab in den OP

Im OP war es furchtbar hell. Es herrschte emsiges Treiben und geschwätziges Gewusel. Ich musste umständlich auf den Stuhl klettern und meine Beine in die Bügel legen, nur um mich kurze Zeit später wieder umständlich runter zu hieven, da mir ja noch die Spinale gesetzt werden musste. Na ja, hätten wir das also auch schon mal geübt.

Zuerst gab es eine Spritze in den unteren Rücken zur lokalen Betäubung, dann musste ich einen ganz ganz runden Rücken machen – was natürlich super einfach war mit diesem Megabauch. Von der Spinalanästhesie selber habe ich dann nichts mehr gemerkt – also vom Setzen. Dann hieß es wieder ab auf den Stuhl. Es wurde noch Elektroden fürs EKG angehangen, so ein Fingerding zur Messung der Sauerstoffsättigung und ein Blutdruckmessgerät. Die Anästhesie-Schwester redete immer sehr beruhigend mit mir, selbst die schnippige Gynäkologin war plötzlich ganz handzahm und fast einfühlsam. Langsam wurden meine Beine schwer, als wären sie eingeschlafen, aber schon nicht mehr am Kribbeln. Es war soweit alles vorbereitet. Ich wurde ständig mit kaltem Wasser besprüht, um zu sagen, wie gut die Betäubung schon wirkt. Dann durfte mein Schatz mit in den OP (für die Männerquote – denn bis auf den Kinderarzt, der vor der Tür wartete, war er der einzige Mann). Wieder der Kältetest – nun konnte ich meine Füße nicht mehr bewegen – ein eigenartiges Gefühl. Die Ärztin sagte zur Chirurgin, dass sie Bescheid sagen soll, wenn sie schneidet. Also wartete ich darauf irgendwas zu merken, bis ich feststellte, dass sie schon mittendrin waren. Immer wieder musste der Stuhl etwas mehr in die Aufrechte gebracht werden, da ich merkte, dass mir schwindelig wird und meine Arme ebenfalls schwer wurden.

Nun kam der Teil, den mir die Ärztin vorher schon beschrieb: Ich spürte ein starkes Drücken und Ruckeln und dann ein Schrei! Ich musste weinen vor Erleichterung und Glück (etwas was ich bei Krümels Geburt nicht konnte). Er wurde uns gezeigt und mir kurz in Andeutung eines Kusses an die Nase gedrückt. Er musste zum Check Up vor die Tür zum Kinderarzt, aber schon wenige Minuten später lag er auf meiner Brust, der kleine Riese. Dort dockte er auch recht schnell an und stillte zum ersten Mal.

Die gesamte Zeit, die ich genäht wurde, lag er weich und warm auf meiner Brust. Immer wieder musste der Stuhl etwas aufrechter gestellt werden, damit mein Kreislauf stabil blieb und die Betäubung nicht weiter aufstieg. Das war eigentlich das ekligste an der OP, das Gefühl, dass die Betäubung immer wieder in die Arme kroch. Die Ärztin, die mich zunähte, fand das natürlich blöd, weil ja dann der Bauch immer mehr über den Schnitt rutschte. Irgendwann war aber alles geschafft und der Papa verließ mit dem Krümelchen den OP und ich wurde aufs Bett gehievt und aus dem OP geschoben (ohne Brille übrigens, die wurde mir vor der OP abgenommen – ich war also bis ich auf Station kam blind wie ein Grottenolm).

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Nach dem Kaiserschnitt

Eigentlich hieß es, dass wir bis zum Nachlassen der Betäubung im Kreißsaal kuscheln dürften. Da aber die Betäubung immer mal aufstieg, musste ich in den Aufwachraum, während der Papa beim Krümel blieb und bei der U1 dabei sein durfte. In regelmäßigen Abständen wurde ich wieder besprüht, um den Grad der Betäubung abzuschätzen. Im Aufwachraum war ich bzw. das Krümelchen und seine Maße von 57 cm und 4610g das Gesprächsthema. Man gratulierte mir zum Stammhalter und bestätigte mir immer wieder, dass der Kaiserschnitt die richtige Entscheidung war. Ich weiß gar nicht wie lange ich im Aufwachraum lag, aber als ich meine Füße bewegen konnte, durfte ich zurück zu meinen zwei Lieblingen bzw. gleich auf mein Einzelzimmer auf Station.

…to be continuted

One Comment

  1. Linda

    Schade, dass dir dein persönliches Worst-Case-Szenario nun doch nicht erspart geblieben ist.
    Was macht für dich eigentlich eine Geburt zu einer Traumgeburt? Das frage ich aus ehrlichem Herzen. Die Beantwortung dieser Frage würde helfen, meine abstrakte Vorstellung von dem, was du damit ausdrücken wolltest, klarer zu umreissen. (Ein Hoch auf die moderne Technik, Dank der ich dich jetzt einfach danach fragen kann ) Dies scheint mir außerdem ein interessinteressanter Ansatzpunkt, wenn es darum geht, zu überlegen, wie man sich vom Trauma einer vorherigen Geburt kurieren könnte. Das Erlebnis einer Traumgeburt ist natürlich nicht der einzige Weg um sich damit zu versöhnen. Es ist meiner Meinung nach aber noch nicht einmal der beste. Und zwar weil es mir scheint, als sei da auch immer ein bisschen Glück dabei. Damit macht man sich praktisch abhängig von äußeren Umständen. Ich weiß nicht ob dass für dich auch zutrifft: Wenn man starke Scmerzen und Ängste dabei ertragen musste, ist es dann nicht wiedersinnig, sich auch noch persönliches Versagen anzulasten. Das ist einfach gesagt, ich z.B. habe damit zu kämpfen, dass meine beiden Kinder einfach nicht den natürlichen Weg nehmen wollten. Nach meinem gefühlten Totalversagen bei der ersten Geburt, wollte ich unbedingt eine neue Chance. Jetzt versuche ich mir dadurch zu helfen, dass ich mir sage, “Es ist leicht, damit zu Recht zu kommen, wenn alles nach Plan läuft.” Das funktioniert mal besser und mal schlechter.

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